Wirtschaftsregion

BFS dual: innovative Schulform an den HLA LOHNE

10.01.2024
Autor: Andreas Nuxoll, Ernst Escher

Seit dem Schuljahr 2023/24 nehmen die Handelslehranstalten Lohne am Innovationsvorhaben des niedersäch­sischen Kultusministeriums mit der Schulform „Berufsfachschule dual (BFS dual)“ teil. Diese neue Schulform stellt eine Zusammenführung der bisherigen Berufsfachschulen und der Fachoberschule Klasse 11 dar und teilt sich zum Wechsel des Schulhalbjahrs in zwei Stränge: Der B-Strang zielt als Anschlussqualifikation auf eine Berufsausbildung ab, der F-Strang auf den Übergang in die Klasse 12 der Fachoberschule.

Schulleiter Ernst Escher von den HLA Lohne: „Im OM brauchen wir mehr denn je qualifizierte Fachkräfte – und nicht nur Akademiker!“

„Wir erhoffen uns von der neuen Schulform eine zielgerichtete Lenkung der Absolventen von allgemeinbildenden Schulen – entweder hin zur Erlangung einer Studienberechtigung oder in Richtung duale Berufsausbildung“, sagt Schulleiter Ernst Escher über die Motivation, mit seiner Schule an dem Innovationsvorhaben teilzunehmen. Escher selbst hatte in einer Kommission an der Entwicklung der Schulform mitgewirkt und erhofft sich positive Impulse für die duale Berufsausbildung im OM.

Stefan Bünting, Leiter des Geschäftsbereiches Bildung bei der Oldenburger IHK, bemerkt, dass sich „immer mehr Schulabsolventen für ein Studium statt eine betriebliche Ausbildung entscheiden. Die duale Berufsausbildung ist allerdings weiter attraktiv und öffnet neben guten Verdienstmöglichkeiten auch viele Weiterbildungsperspektiven. In unserer wirtschaftsstarken Region brauchen wir mehr denn je qualifizierte Fachkräfte und nicht nur Akademiker.“

In die gleiche Richtung argumentiert auch Matthias Fortmann, Personalchef des mittelständischen Futtermittelherstellers ­Bröring in Dinklage. „Wir merken seit Jahren einen deutlichen Rückgang bei den Be­werbungen für einen kaufmännischen Ausbildungsberuf, obwohl wir weiterhin einen Bedarf für diese Berufe haben. Alle Aktivitäten, die zur Stärkung der dualen Ausbildung beitragen, unterstützen wir gerne“, so Fortmann.

Das übergeordnete Ziel des Kultusministeriums ist es, mit der neuen Schulform „BFS dual“ die Durchlässigkeit des beruflichen Schulsystems zu erhalten.

„Die Jugendlichen sollen durch den hohen praktischen Anteil und das intensive Beratungs- und Coachingangebot überwiegend in eine duale Berufsausbildung geführt ­werden. Bei entsprechenden Leistungen können sie alternativ in die Klasse 12 der Fachoberschule einmünden“, erläutert die zuständige Fachreferentin des Innovationsvorhabens, Alexandra Emig, aus dem Mini­sterium.

BFS dual orientiert sich am Y-Modell 

Die neue Schulform BFS dual ist in Form eines Y-Modells organisiert (vgl. Abbildung auf S. 49), das heißt: Im ersten Halbjahr findet eine gemeinsame Beschulung der Jugendlichen im Klassenverband statt, im zweiten folgt die Aufteilung der Schülerinnen und Schüler in den B-Strang (Berufsausbildung) oder den F-Strang (Fachoberschule). An den HLA Lohne haben die Jugendlichen zudem die Möglichkeit, zwischen den Schwerpunkten Wirtschaft oder Gesundheit zu wählen. Dabei ist es möglich, innerhalb eines Schuljahres im B-Zweig eine vertiefte Vorbereitung auf eine Berufsausbildung zu erreichen oder im F-Zweig eine notwenige Voraussetzung für den Besuch der Klasse 12 der FOS mit dem Ziel der Fachhochschulreife zu erlangen. Außerdem kann in beiden Schwerpunkten und Strängen der erwei­terte ­Sekundarabschluss erworben werden.

„Bring your own device“

Bereits im Zuge der Planungen hatten sich die Mitglieder der internen Steuergruppe zur BFS dual zum Ziel gesetzt, die neue Schulform möglichst digital auszurichten. Die Bewerberinnen du Bewerber erhielten mit der Anmeldung die Aufforderung, eigene digitale Endgeräte mit in den Unterricht zu bringen – unabhängig von Hersteller und Betriebssystem. „Uns ist es wichtig, die jungen Menschen in der BFS dual auf eine digitalisierte Ausbildung vorzubereiten. In den Betrieben und im Studium ist das Tablet oder Notebook bereits Standard. Zudem haben wir an unserer Schule neben den technischen Voraussetzungen ein aufgeschlossenes Kollegium, dass diese Veränderung bereitwillig mitgestaltet“, lobt der Schulleiter seine Lehrkräfte und sein EDV-Team unter Leitung des Koordinators Thomas Evers. Ihm sei es maßgeblich zu verdanken, dass an den Handelslehranstalten mit Office 365 reibungslos unterrichtet werden könne, so Ernst Escher.

Hoher Praxisanteil in der neuen Schulform

In dem Innovationsvorhaben wird der dualen Berufsausbildung eine große Bedeutung beigemessen. Bereits im ersten Halbjahr wird großer Wert auf den Erwerb praktischer und berufsbezogener Erfahrungen gelegt. Einen Platz für eine zweiwöchige praktische Ausbildung in einem Unternehmen müssen sich die Schülerinnen und Schüler bereits vor Beginn des Schuljahres selbstständig suchen, ein weiteres Praktikum ist im zweiten Halbjahr vorgeschrieben. „In einem verpflichtenden Eingangsgespräch vor den Sommerferien haben wir jeden Jugendlichen noch einmal intensiv auf die Suche nach einem Platz für die praktische Ausbildung hingewiesen und Bewerbungstipps gegeben“, erläutert Teamleiter Stephan Möller. „Bereits Ende September waren alle 175 Schüler unserer sieben BFS dual Klassen versorgt“, berichtet Teamleiterin Julia Wichary. „Die Betriebe erkennen zunehmend den Mehrwert der Praktika, wenn es um die Besetzung ihrer Ausbildungsplätze geht. Nicht selten kehren die Praktikantinnen und Praktikanten aus den Betrieben mit einem Ausbildungsplatzangebot zurück in die Schule“, erörtert Julia Wichary.

STEUERGRUPPE „In der Steuergruppe haben wir die Vorgaben des Ministeriums für unsere Schule planerisch umgesetzt“, sagt Koordinator Andreas Nuxoll (Bildmitte) von der Zusammenarbeit mit den Teamleitern (v. l.) Stephan Möller, Julia Wichary, Peter Nordlohne und Thomas Egbers. 

Coaching und Beratung

Ein weiteres innovatives Element in der neuen Schulform BFS dual stellt das inten­sive ­Beratungs- und Coaching-Angebot der Schule dar, welches die Jugendlichen ­verbindlich und individuell wahrzunehmen haben. Neben dem verpflichtenden Eingangsgespräch vor den Sommerferien sind insgesamt vier weitere individuelle Coaching- und Beratungsgespräche zwischen Lehrkräften und Schülern vorgesehen, die im Regelfall 30 Minuten umfassen. Im ersten Halbjahr findet jeweils ein Termin vor den Herbst- und Weihnachtsferien statt, um Überlegungen zur praktischen Ausbildung und der Wahl des passenden Strangs für das zweite Halbjahr anzustellen. „Die Lehrkraft soll den Schüler dafür sensibilisieren, seine Entscheidung für die Wahl des passenden Strangs vorrangig von seinen ei­genen Neigungen, Fähigkeiten und vor allem von seinen Zukunftsplänen abhängig zu ­machen. Für den Start in eine Berufsaus­bildung ist es nicht zwangsläufig erforderlich, den F-Strang zu besuchen“, erläutert Koordinator Andreas Nuxoll den Beratungsbedarf für die Jugendlichen.

Klassenkonferenz entscheidet über 2. Halbjahr

Die Vorgaben des Kultusministeriums schreiben zudem vor, dass die verbindliche Entscheidung über den Besuch des B- oder F-Strangs alleinig die jeweilige Klassenkonferenz spätestens zum Ende des 1. Halbjahres trifft. „Wir vermuten hinter dieser ­Bestimmung die Absicht des Ministeriums, Schülerinnen und Schüler vom Besuch des F-Strangs abzuhalten, die ein Studium nicht zielstrebig genug ins Auge fassen oder ihre Fähigkeiten überschätzen. Einem möglichen Scheitern in der Klasse 12 der Fachoberschule soll damit vorgebeugt werden“, ­erklärt Teamleiter Peter Nordlohne die Neuerung für den Übergang in die Klasse 12. 

„Als Eltern hoffen wir natürlich, dass sich die Vorstellung der Jugendlichen hinsichtlich des zweiten Halbjahres mit der Entscheidung der Klassenkonferenz deckt“, hofft Torsten Mairose, Elternvertreter der Klasse BFW 1. „Letztendlich muss man den Schülerinnen und Schülern allerdings verdeut­lichen, dass auch im B-Strang viele Chancen liegen“, erklärt Teamleiter Thomas Egbers. „Wir haben die neue Schulform an unserer Schule so konzipiert, dass wir im zweiten Halbjahr im B-Strang zusätzliche, berufsspezifische Module unterrichten. Damit ­gelingt die gezielte Vorbereitung auf einen Ausbildungsberuf und unter Umständen ­eine Verkürzung der Ausbildungszeit in Absprache mit dem Betrieb. Diese Möglichkeit entfällt im F-Strang“, erläutert Abteilungsleiter Andreas Nuxoll einen wesentlichen Vorteil des B-Strangs.

„Wichtig ist auch, dass einem Absolventen des B-Strangs der Zugang zur Fachhochschulreife nicht versperrt wird. Er kann sich vielmehr nach einer dualen Berufsausbildung weiterhin für die Fachoberschule Klasse 12 bewerben; aufgrund seiner Erfahrung und seiner Fokussierung auch mit guten Erfolgsaussichten. Der B-Strang ist also mitnichten eine Sackgasse“, ergänzt Schulleiter Ernst Escher einen wichtigen Aspekt der neuen Schulform.

Unterschiedliche Praktika im zweiten Halbjahr 

Einen wesentlichen Unterschied zwischen dem F- und B-Strang stellen die Vorgaben zu den Praktikumszeiten dar: Im F-Strang besuchen die Schülerinnen und Schüler im zweiten Halbjahr nur jeweils zwei Wochentage in der Schule, müssen aber spätestens zur Abschlussprüfung in der 12. Klasse der FOS mindestens 600 Stunden Praktikum nachweisen. „Das schafft jemand nur, wenn er beispielsweise auch in den Ferien für ungefähr zwei Wochen in einem Praktikumsbetrieb arbeitet“, stellen die Teamleiter Peter Nordlohne und Thomas Egbers klar. 

Im B-Strang ist dagegen im zweiten Halbjahr ein vierwöchiges Blockpraktikum im Mai bzw. Juni während der regulären Schulzeit zu absolvieren. „Dieses Praktikum können Schülerinnen und Schüler bereits in den Betrieben durchführen, in denen sie nach den Sommerferien eine Berufsausbildung absolvieren - unabhängig davon, ob sie den Ausbildungsvertrag vor oder während des Praktikums unterschrieben haben“, erörtert Koordinator Andreas Nuxoll die Besonderheit, das Praktikum an das Ende des Schuljahres zu legen. Schulleiter Ernst Escher zeigt sich von dieser Neuerung erfreut: „Die Idee ist mir auf einer Rückfahrt von einer Kommissionssitzung gekommen. Sie dient vorrangig dem Ziel, Jugendliche in eine duale Ausbildung zu lenken – ganz im Sinne der neuen Schulform.“