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Innovationspreis des Oldenburger Münsterlandes 2016

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Franz Wessendorf - Wessendorf Systembeschichtungen GmbH

Franz Wessendorf kleinOldenburger Münsterland. Sein Auskommen bestreitet der Preisträger im Normalfall mit der Herstellung von Fassaden (Putz- Stuck- oder Verblendfassaden incl. Gerüsten), der Herstellung von komplexen Bodensystemen (Beton- oder Estrichunterbauten incl. Oberbelag bzw. industriellen Bodenbeschichtung), sowie der Oberflächentechnik (Lackierung und Zulieferung von Kunststoffteilen für die Automobilwirtschaft).

Überlegungen für die Entwicklung eines Dauerankers zur professionelleren Verankerung von Baugerüsten beschäftigten Franz Wessendorf im Rahmen seiner Aktivitäten im Bereich Fassadensysteme aber schon seit über zehn Jahren. Erste Zeichnungen zu seinen diesbezüglichen Überlegungen fertigte er bereits in 2006 an. Ausgangspunkt waren fortwährende Ärgernisse über die Gerüstankerpunkte bei immer größer werdenden Wandaufbauten oder Dämmstoffstärken, denen überall nur mit längeren Schrauben begegnet wurde, die die seitlichen Scherkräfte aber nicht aufnehmen konnten. Dieses führte in der Folge beim Abbau der Gerüste immer wieder zu unschönen Punkten in der Fassade und entsprechenden Diskussionen zwischen Bauherren, Architekten, Handwerkern und in der Folge zu weiteren Problemen bei späteren Einrüstarbeiten.

Schon seit vielen Jahren werden in Deutschland jährlich zwischen 35 und 45 Millionen Quadratmeter Wärmedämmverbundsysteme in Ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten verbaut. Bei den für den Unterhalt der Fassaden notwendigen Arbeiten werden auch nach Jahren immer wieder Arbeits- und Schutzgerüste benötigt, die ebenfalls wieder eine Verankerung gebrauchen. Bis dato werden bei diesen Renovierungsarbeiten wie auch schon bei der Ersteinrüstung immer wieder neue Löcher gebohrt und lange Schrauben eingesetzt, die in Ihrer Konstruktion die seitlich auftretenden Scherkräfte nicht aufnehmen können und immer wieder gerne verbiegen, was wiederum zu Schäden oder unschönen Erscheinungen im Fassadenbild führt. Der neu zu entwickelnde Anker sollte deshalb dauerhaft im Wandaufbau verbleiben und immer wieder benutzt werden können. Er sollte sich mit Blick auf die Optik außerdem in jeder Weise gut anarbeiten lassen und über eine sehr hohe seitliche Kraftaufnahme verfügen.

In einem Gespräch mit dem Transferzentrum Oldenburger Münsterland zur Jahreswende 2011/2012 entschloss sich Wessendorf, das Thema nunmehr konkret anzugehen und fand in dem Steinbeiss Transferzentrum die dafür notwendige Unterstützung dieses auch nachhaltig zu tun. „Ich brauchte eine unabhängige Einschätzung, ob meine Ideen trag- und wettbewerbsfähig waren. Das überaus positive Feedback und die Kontakte des Transferzentrums vermittelten mir dann das positive Feedback für die Realisierung der Innovation. Dabei habe ich in vielen Dingen neue und sehr positive Erfahrungen verschiedenster Art gemacht“, erinnert sich Franz Wessendorf im Nachgang gerne.

Ein aus heutiger Sicht nachhaltig entscheidender Punkt im Rahmen der eingeleiteten Patentanmeldung war der Wechsel von einem einteiligen zu einem zweiteiligen Bauteil (metallische Basisplatte und Kunststoffkörper) welches auf patentrechtlichen Bedenken eines Wettbewerbsproduktes beruhte. „Trotz der nochmals steigenden Kosten durch eine weitere Anmeldung entschied ich mich auch mit einem Schuss ‚jetzt erst recht‘ für ein zweiteiliges Produkt, was sich in der Folge letztlich zum alles entscheidenden Vorteil entwickeln sollte.“ Denn durch die variable Basisplatte, die an die tragende Wand mit entsprechend mitgelieferten Dübeln befestigt wird, ist sein ISOrocket nunmehr für alle Wandbildner – Beton oder Mauerwerk - geeignet. Auf den unterschiedlichen Basisplatten wird dann der „Rocketbody“ als Kunststoffelement mit Metallgewindekern in der jeweils notwendigen Aufbaustärke aufgeschraubt, der dann die eigentliche Gerüstschraube (Rocketbold) aufnimmt. Mit Abbau des Gerüstes wird dieser Kunststoffkörper auf das jeweilige Fassadenniveau abgelängt und mit einer speziellen Verschlusskappe geschlossen.

In 2014 stand die Konstruktion in der heutigen Form. Um eine Zulassung durch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) zu erhalten, waren aber noch bis Ende 2015 diverse Gespräche zu führen. Nach Aufbau der Produktion folgte der Markteintritt auf der Internationalen Messe „Farbe, Ausbau & Fassade“ (FAF) in München im März 2016. „Parallel zu der Entwicklung und ohne direktes Wissen bekam das Produkt mit der novellierten DIN 4426 dann sogar noch eine gesetzliche Grundlage, deren geforderte Kraftaufnahme wir als bisher einziger Anbieter am Markt, für die komplette Bandbreite an Aufbaustärken lückenlos zwischen 100 und 400 Millimeter für Wandbildner aus Beton oder Mauerwerk erfüllen“, erläutert Wessendorf. Der Wettbewerb stoße dagegen bei 200 Millimetern Aufbaustärke an seine Grenzen und sei auch nur für Untergründe aus Beton zugelassen. ISOrocket bietet darüber hinaus auch das passende Werkzeug-Kid für eine systemgerechte Montage an. „Auf der FAF haben wir gut verkauft und vor allem ausschließlich positive Bewertungen erhalten“, bilanziert er. Besonders stolz war er auf die Einschätzung eines alten Handwerksprofis: „Das Ding ist wirklich zu Ende gedacht!“

Die Produktionskapazitäten reichen aktuell für mehrere Tausend ISOrockets pro Monat die allerdings zurzeit monatlich noch nicht verkauft werden. Ende April 2016 ging der Internetshop online. Der Patentschutz wurde zwischenzeitig auf Europa, Nordamerika, China und Asien ausgeweitet. Für die kommenden Jahre sieht er sehr gute Geschäftsaussichten. Ein zusätzlicher Vertriebsmitarbeiter soll kurzfristig eingestellt werden, verschiedene Vertriebskooperationen sind im Gespräch. Zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten sieht Wessendorrf für ISOrocket überall dort, wo eine Verankerung über eine große nicht tragende Aufbaustärke und hohen Querkräften sicher montiert werden soll.

Die neue DIN 4426 schreibt Architekten und Planern gesetzlich vor, bei Gebäuden mit einer Traufhöhe von über acht Metern ein Permanentankersystem zu verbauen, was nach Ansicht des Preisträgers unbedingt „ISOrocket“ heißen sollte. „Wir haben dem Produkt ein eigenes Label und damit eine eigene Marketing- und Verkaufsstrategie verpasst, die das Unternehmen Wessendorf selbst im Hintergrund bleiben lässt.“ Der Verkauf und auch der Verbau des Produktes erfolgt über den Gerüstbauer. Der wesentliche Point of Sale aber ist der Architekt. Deshalb hat das Unternehmen auch einen Planungsordner entwickelt und auf der Internetseite www.isorocket.de CAD-Daten zum Download zur Verfügung gestellt.

Wessendorf Systembeschichtungen verfügt über keine eigene Entwicklungsabteilung. Mit Eigenmitteln und Fördermitteln aus dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) gelang es jedoch, die Entwicklung und Markteinführung ohne Zeitdruck zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Nicht vorhandene Ressourcen wurden eingekauft bei der PHWT Vechta/Diepholz sowie den Firmen Merkutec in Dinklage oder Irmler in Drebber. Einen Standortvorteil im Oldenburger Münsterland sieht er in der vorhandenen Kompetenz im Metall- und Kunststoffbereich. Sowohl die Produktentwicklung als auch die laufende Produktion erfolgt durch verschiedene Partner mit klar abgesteckten Verantwortlichkeiten im Netzwerk. „Wir beabsichtigen dies auch nicht zu ändern, weil wir auf diesem Wege sehr hohes Know-how in den einzelnen Bereichen gefunden haben“, betont Wessendorf. „Schließlich haben wir deshalb ja auch den Preis des Innovationsnetzwerkes Niedersachsen 2016 erhalten.“

Franz Wessendorf ist gelernter Handwerksmeister und Betriebswirt. Der begeisterte Skifahrer und Dauerkartenbesitzer seines SV Werder Bremen führt sein 140 Jahre altes und trotzdem jung dynamisch gebliebenes Unternehmen mit 50 Beschäftigten in vierter Generation, die „sich alle irgendwie aus dem Lackpott ernährt“ haben. Sein Urgroßvater startete als Kirchenmaler im Raum Wilhelmshaven bevor der Betrieb über eine Zwischenstation in Damme (Landkreis Vechta) wo er an der Ausmalung des Domes beteiligt war, dann um 1900 nach Emstek übersiedelte. Sein Großvater folgte um 1905 und richtete das Unternehmen zu einem „normalen Malerbetrieb“ aus, verstarb jedoch sehr früh 1940, so dass der Vater nach einigen Jahren der alleinigen Führung seiner Mutter 1947 nach dem Krieg im Grunde genommen „noch einmal von vorne beginnen“ musste.

Der heute 52jährige Franz Wessendorf baute das Unternehmen schließlich zum Unternehmen Wessendorf Systembeschichtungen mit den Fachbereichen Fassadensysteme, Bodensysteme und Oberflächentechnik aus, um seinen Kunden Komplettlösungen in den beiden Baubereichen Fassaden und Böden anzubieten und die Kernkompetenz „Lackieren und Beschichten“ für die industrielle Zulieferung der Automobilwirtschaft einzusetzen. Die fünfte Generation, seine beiden Söhne, beschäftigen sich ebenfalls mit der Thematik Lackieren und Beschichten und schickt sich an in die Fußstapfen des Familienbetriebes zu treten. Seine Innovation habe er „noch nicht gefeiert“ erklärt Franz Wessendorf auf Nachfrage schmunzelnd, weil die Ausgaben bisher noch höher waren als die Einnahmen. Von daher gab es noch nicht ganz so viel zu feiern, was aber hoffentlich im nächsten Jahr anders sein wird, wenn dann auch endgültig die Zulassung des DIBT vorliegt. Auf dem Unternehmerabend soll jedoch eine Ausnahme gemacht werden, weil es schon etwas ganz Besonderes ist, in seiner Heimat in einem solch schönen Rahmen einen so tollen Preis zu erhalten.

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